Brocado Abierto. Textile Objekte von Gertraut Fuchs-Gerhart

Visuelle, emotionale und intellektuelle Rezeption verschmelzen in Gertraut Fuchs-Gerharts Ausstellung Brocado Abierto untrennbar miteinander. Auf den ersten Blick überwältigt der meditative Eindruck der klar strukturierten Wandbehänge der Künstlerin. Mit zunehmender Beschäftigung erschließt sich dann der konzeptionelle Hintergrund. Reflektierend und zugleich mit einer großen Intuition für Farbharmonien nähert sich Gertraut Fuchs-Gerhart den Webstücken der mexikanischen Indigenas, denen sie bei einem Studienaufenthalt in Oaxaca im Jahre 2000 erstmals begegnete. Wie das bedeutende Künstlerpaar Anni und Josef Albers, das nach seiner Emigration in die USA mehrmals Mexiko und auch Oaxaca bereist hatte, war Gertraut Fuchs-Gerhart von Anfang an von dem Erfindungsreichtum und der Finesse präkolumbischer Webstücke fasziniert, denn in dieser heute noch lebendigen Webkunst Lateinamerikas findet sich vor allem wegen der klaren Strukturen, geometrischen Muster und kräftigen Farben die Wiege der abstrakten Kunst.

Über ihren textilen und dekorativen Zweck hinaus halten die Webstücke der Indigenas mit ihren Piktogrammen mündliche Überlieferungen der Indigenas fest. Gertraut Fuchs-Gerhart analysiert diese Symbolik der tradierten Motive, um sie dann in einen farblich und kompositorisch stimmigen Kontext einzubetten. Besonders faszinieren sie die individuellen, familienspezifischen Unterschiede der Webstücke und deren Spiritualität, die eine Brücke zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt schlägt. Im Kleinen spiegelt dies sowohl für das Künstlerpaar Albers als auch für Gertraut Fuchs-Gerhart die umfassende Bedeutung der Kunst wider: eine universelle, völkerverbindende und zeitübergreifende Sprache jenseits kultureller Unterschiede. Mit Josef Albers verbindet die Künstlerin auch die klare Abgrenzung homogener Farbflächen, aber nur auf den ersten Blick. Während die vermeintliche Überlagerung streng gegliederter Farbflächen bei Albers‘„Hard Edge-Malerei“ bzw. „Varianten-Malerei“ eine optische Täuschung ist (denn die Farbaufträge sind akkurat nebeneinandergesetzt und niemals geschichtet), wird die Technik des physischen Schichtens bei Gertraut Fuchs-Gerhart bewusst eingesetzt, unter anderem um reliefartige Strukturen zu erzielen. Dies ist z.B. der Fall bei „Nacht in der Wüste“, wo plastisch verformte Einschnitte in der vordersten Ebene, einem schwarzen Filz, punktuelle Einblicke in die dahinter liegende Ebene und somit Tiefe des Objektes gewähren.

Weichheit und Flexibilität von Stoffen eröffnen der Künstlerin neue Möglichkeiten, dieses Konzept von Farbe im Raum zu variieren, indem z.B. sich bewegende Stoffschichten tiefer liegende Farben hervor blitzen lassen. Reliefartige Oberflächen erhalten Gertraut Fuchs-Gerharts Werke auch durch das Hinzufügen textilfremder Materialien wie z.B. Blattsilber, das auf dem Stoff fixiert wird und zur sakralen Aura der Werke beiträgt. Die haptischen Qualitäten der textilen Materialien stehen aber stets im Vordergrund und lassen erkennen, dass die schon während des Studiums an der Werkkunstschule Offenbach verankerte Forderung nach Materialgerechtigkeit, wie sie vom Bauhaus formuliert wurde, in Gertraud Fuchs-Gerharts Œuvre weiterlebt und in der Begegnung mit dem Werk von Anni Albers neuen Auftrieb erhielt.

In der engen Zusammenarbeit mit Sieglinde Fellermeier, die die Objekte nähtechnisch umsetzt, spiegelt sich ein weiterer Leitgedanke des Bauhauses wider: die Zusammenarbeit von Kunst und Handwerk auf gleicher Augenhöhe. Gertraut Fuchs-Gerhart fertigt jedoch nicht nur den Entwurf an, sondern gestaltet die Materialien durch Bemalen, Färben, plastisches Verformen und Schichten, bevor sie endgültig zum textilen Objekt vernäht werden. Dadurch unterscheidet sich ihre Kunst von der rein konzeptuellen Kunst z.B. eines Sol LeWitt.

RAHMENPROGRAMM

So., 15.5.2011, 14–16 Uhr und Mi., 22.6.2011, 10–13 Uhr: Wolle weben wollen wir! Ein Besuch der Sonderausstellung mit anschließendem Workshop für Kinder von 5–10 Jahren. Mit Dr. Ilka Brändle. Materialgebühr: € 5,–

Sa., 2.7.2011, 19 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Mathias S. Laubscher, Ethnologe, über Textilien als Lebenskleid sowie Vortrag von Dr. Dr. Angela Thiene-Basoli, Ethnologin, über das Färben von Textilien in den vorhispanischen Kulturen Mexikos. Eintritt frei, anschließend Sektempfang

Sa., 16.7.2011, 15 Uhr: Kunstwerkkunde für Kinder und Erwachsene Nr. 33, Ganz ohne Webfehler – Wildes Weben ganz ohne Webstuhl für alle Altersklassen. Ein Workshop mit Judith Denkberg de Gvirtz. Materialgebühr: € 3,–

So., 24.7.2011, 19 Uhr: Konzert mit Patricio Padilla & Sol del Sur. Eintritt: € 10,– / ermäßigt € 6,– mit anschließendem Sektempfang

Zur Ausstellung ist ein 40seitiger Katalog zum Preis von € 8,– erschienen

Gertraut Fuchs-Gerhart

"Once" / "Die Zahl Elf"
2001

Photos: ©Willy Weihreter, Photodesign AG, Nürnberg

 

Gertraut Fuchs-Gerhart

"Temblor" / "Erdbeben"
2001

 

Gertraut Fuchs-Gerhart

"Mariposa" / "Schmetterling"
2004

 

Gertraut Fuchs-Gerhart

"Conglomerado botanico" / Objekte mit Materialien aus der Sierra Madre del Sur
2004