Podcast "Museum lauschen": Transkription
Kunst für alle - Barrierefreiheit im Museum
Sprecher: Museum lauschen, Kunst einfach verstehen und genießen. Ein inklusiver Podcast des Kurpfälzischen Museums Heidelberg, gefördert durch das Programm Offen für der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Kunst ist für alle da. Aber sind Museen und Ausstellungen wirklich für alle zugänglich? Dieser Frage geht eine extra Folge des Podcasts Museum lauschen nach. Zu Gast ist Karoline Hinkfoth aus Heidelberg. Sie ist Beraterin für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, engagiert sich im Beirat von Menschen mit Behinderungen und liebt Kunst. Karoline ist auf einen Rollstuhl angewiesen und bringt ihre persönlichen Erfahrungen mit ein. Gemeinsam mit der Museumspädagogin Eva Wick besucht sie ausgewählte Highlights im Kurpfälzischen Museum. Auf ihrem Rundgang sprechen die beiden über Kunst, das Besuchserlebnis und darüber, wie barrierefrei das Museum wirklich ist. Und immer wieder ist Musik zu hören. Die Geigerin Antonina Preuss bringt die Kunst zum Klingen.
--- Musik ---
Eva: Hallo, ich bin Eva Wick, Museumspädagogin im Kurpfälzischen Museum Heidelberg und freue mich heute, Karoline Hinkfoth zu begrüßen. Herzlich willkommen, schön, dass du da bist. Unsere Podcast-Folge heute hat den Titel Kunst für alle – Barrierefreiheit im Museum.
Karoline, möchtest du dich selbst in ein paar Worten vorstellen?
Karoline: Ich bin von Haus aus Erziehungswissenschaftlerin, das ist das, was ich studiert habe, und habe danach in der Jugendhilfe gearbeitet und in einem Projekt für Kinder mit Fluchterfahrung und genau, mich dann irgendwann selbstständig gemacht und dann sind die unterschiedlichen Dinge, die ich jetzt mache, tatsächlich fast alle irgendwie zu mir gekommen. Ja, und dann bisher geblieben und deswegen ist das jetzt so ein [00:01:00] lustiges Portfolio, wo man vielleicht von außen erstmal sich wundert und denkt wie greift das denn alles ineinander, aber das waren alles so Glücksfälle.
Eva: Ja, reingekommen durch unser Entree und sind hier schon bei unserem ersten Kunstwerk gelandet.
Es kommt dir vielleicht ein bisschen bekannt vor. Hast du es schon mal gesehen, diese Skulptur?
Karoline: Oh, das ist jetzt natürlich eine herausfordernde Frage.
Eva: Wir können sie ja erst mal zusammen anschauen. Also sie ist ja hier ziemlich imposant. Ich weiß gar nicht, wie viel Meter sie hoch ist. Ich würde mal schätzen, naja, fast drei Meter groß. Und ja, ist hier so unsere Begrüßung im Eingang. Und es ist eine ganz typische Darstellung.
Karoline: Ja, also das [00:02:00] Motiv natürlich, das kommt einem bekannt vor, beziehungsweise das sieht man immer wieder - die Maria mit dem kleinen Jesuskind auf dem Arm.
Eva: Und das Tolle finde ich eigentlich hier im unteren Bereich, dem man ja auch eher so gegenübersteht, das hier, was man vielleicht im ersten Moment gar nicht so gut erkennen kann, dieses Gewulst, würde ich es jetzt einfach mal nennen.
Und dazwischen sind noch diese kleinen Engelchen. Hier sieht man ihre Flügel und die Putti… Das sollen Wolken sein. Also sie schweben irgendwie in Wolken und tragen Maria und das Jesuskind auf dieser Weltkugel. Und klar, es ist natürlich schwierig, wenn man mit Stein arbeitet, irgendwie so was locker Luftiges zu schaffen.
Ich glaube, das war für den Bildhauer einfach eine ganz schöne Herausforderung.
Karoline: Ja, das [00:03:00] widerspricht sich fast irgendwie so ein bisschen von der Intention sozusagen aus sowas sehr Hartem, sowas Leichtfüßiges raus zu kitzeln. Ja….
Eva: Also dafür hat er es relativ gut gemacht. Schwierig nachzuvollziehen.
Karoline: Ich finde, das Bildhauerei ist ganz spannend. Tatsächlich auch, weil man braucht ja nochmal auch als Künstler*in ein ganz anderes innerliches Vorstellungsvermögen, wenn man sich vorstellt, da ist jetzt in der Mitte so ein waagerechter Schnitt, bedeutet, das waren mal zwei Blöcke, würde ich vermuten, oder sogar mehrere. Und sich dann vorzustellen, aha, wie komme ich jetzt von diesem eckigen Steinblock zu was…, zu so einer Darstellung.
Eva: Ja, und die Skulptur ist eben aus einer Zeit, in der in Heidelberg der Katholizismus vorherrschen war. Also da [00:04:00] gab es eine Zeit lang ein ständiges Hin und Her. War, glaube ich, für die Heidelberger Bevölkerung auch nicht so lustig. Und diese Skulptur steht an einem ziemlich prominenten Platz. Schau mal, ich habe hier eine Fotografie mitgebracht. Vielleicht nimmst du sie…
Karoline: Das ist die Kornmarkt-Madonna.
Eva: Genau, du hast sie gleich erkannt. Also sie steht gar nicht weit von hier am Platz, neben dem Rathaus eigentlich. Und wenn man sie sieht, sieht man im Hintergrund auch schon das Heidelberger Schloss. Und ja, auf der Fotografie und jetzt hier fallen dir vielleicht ein paar Unterschiede auf?
Karoline: Ja ich überlege gerade auf dieser, ist es ja wahrscheinlich dann so ein Heiligenschein, was das da oben darstellt.
Eva: Sie trägt so einen Kranz ja.
Karoline: Aus Gold oder vergoldet das sehen wir jetzt hier da so nicht bei dem Exemplar vor dem wir stehen. Die Krone sieht man, [00:05:00] aber auch aus Stein und nicht vergoldet Und ja, genauso wie die Weltkugel und der, ich weiß nicht, wie man das nennt aber...
Eva: …Die Fahne, der Stab… Genau, das fehlt bei uns hier im Museum komplett. Also man sieht noch die beiden Endstücke. Das steckt hier so in die Erdkugel und ein Stück hält das Jesuskind in der Hand. Hast du eine Idee, was es jetzt damit auf sich hat? Was hat das Museum da gemacht? Es hat natürlich was gemacht, was ganz wichtig ist für das Museum. Nämlich eine der wichtigsten Aufgaben ist ja, Dinge zu erhalten, die alten Gegenstände. Und deshalb hat man sich entschieden, das Original hier ins Museum in den geschützten Raum zu holen und auf dem Platz draußen eine Kopie zu positionieren.
Karoline: Ich hatte gerade überlegt, welches jetzt welches ist, aber klar, das leuchtet ein.
Eva: Genau, denn hier [00:06:00] ist sie einfach geschützt. Wenn man überlegt, was sie draußen alles abkriegt, das sieht man zum Beispiel an solchen Spuren hier. Auf unseren Wolkendarstellungen sind kleine weiße Flecken. Und ja, auf dem Kornmarkt vorne sieht man auch immer mal wieder Menschen, die da hochklettern. Und deshalb ist sie hier eben beschützt.
Und was ganz spannend ist, was auch viele Heidelbergerinnen und Heidelberger immer wieder überrascht, auch die Skulpturen von der alten Brücke stehen im Original bei uns im Museum. Also auch dort sind nämlich nur Kopien.
Karoline: Ja, das habe ich auch nicht gewusst, tatsächlich.
Eva: Aber auch der Strahlenkranz von Maria, den sie auf dem Kopf trägt sonst, der ist noch bei uns im Haus. Und wer da den Hochglanz sehen will, der kann ja ein paar Schritte weitergehen auf den Kornmarkt.
Und hier auf unserem Wegweiser kann man auch erkennen, dass unser Haus ja [00:07:00] durch viele Gebäude besteht. Also wir gehen gleich hier über den Hof raus und nutzen unseren barrierefreien Zugang, denn wir wollen ja heute unser Haus unter dem Aspekt der Barrierefreiheit zusammen mit dir anschauen.
Anhand dieses Planes hier im Eingangsbereich sieht man schon, dass das Haus ziemlich viele Gebäude hat, ziemlich viele Aspekte. Und genauso vielfältig ist nämlich auch unsere Sammlung. Das kann man hier nebendran mit einigen Highlight-Bildern sehen. Also es fängt an von Gemälden, geht über unser tolles Silber und geht bis zur Archäologie.
Jetzt sind wir in unserem Neubau angekommen. So neu ist er auch nicht mehr, ist auch schon über 30 Jahre alt. Aber man hat gleich natürlich eine andere räumliche Wahrnehmung mit den hohen Decken, dem vielen [00:08:00] Glas, dem Licht, was eben dadurch einfällt.
Schau mal, wir haben extra für dich dieses Objekt ausgewählt. Es trägt nämlich den tollen Titel Tanz. Und da wir ja schon von deiner Tanzleidenschaft wissen. Da haben wir einfach gedacht, es ist doch schön, das miteinander zu verbinden.
Karoline: Ja, das gefällt mir gut. Das finde ich sehr schön auch, ne, aus Holz. Weil es ein sehr warmes Material ist, finde ich, ne, und einen gleich so reinholt irgendwie auch. Und die Bewegung durch die Rundungen, die das hat, finde ich auch ganz gut abbildet und wiedergibt.
Eva: Genau wie du sagst. Vorhin haben wir schon eine Skulptur aus Stein gesehen, jetzt hier eben Holz. Das ist einfach durch [00:09:00] die Materialität schon was ganz anderes. Das wirkt ganz warm. Und ich finde das einfach ganz toll, was Hans Nagel, der Künstler hier gemacht hat. Denn er hat so eine Verbindung irgendwie geschaffen zwischen zwei Personen. Man kann jetzt auch gar nicht finde ich, unbedingt genau sagen, ist eine Person weiblich oder männlich. Das ist ja auch gar nicht wichtig. Aber es gibt eben so eine Harmonie so eine Verbindung miteinander. Also es geht ja schon ins Abstrakte.
Also wir können zwar diese Formen als Menschenkörper sehen, aber sie sind eben auch überlenkt. Auch der Kopf, der ist ja in einer ganz anderen Form, so wie wir jetzt eigentlich keinen Kopf sehen würden. Also für ihn wichtig war eben diese Verbindung dieser beiden Menschen, diese Bewegung auch.
Karoline: Ja [00:10:00] ich denke auch, die Bewegung gibt es sehr gut wieder. Ich denke jetzt tatsächlich, wenn ich mir das angucke, so in Richtung was Volkstanzmäßiges. Also ich würde weniger an Walzer zum Beispiel denken und auch nicht an jetzt irgendwie zeitgenössischen Tanz, sondern so die Assoziation, die das in mir wachruft, ist eben sowas in die Richtung.
Eva: Als Tanzspezialistin wollte ich dich jetzt fragen. Also ich glaube durch die Haltung, also wir haben hier ja so ein leicht angewinkeltes Bein und auch der Arm, der ist irgendwie so angewinkelt. Das sieht schon eher nach so einem volkstümlichen Tanz aus, so hast du es eben formuliert, genau… ja, 1957.
Karoline: Aber ich finde es auch tatsächlich… ich bin niemand, der, wenn ich ins Museum gehe [00:11:00] und mir Kunst anschaue, so unheimlich viel mich damit auseinandersetze meistens zumindest nicht. Und was hat denn die Künstler*in wirklich damit gewollt und was war genau die Intention und hier und da das groß auseinander zu nehmen, sondern für mich ist tatsächlich die Verbindung sozusagen, die beim Anschauen entsteht mit einem Kunstwerk ist die da, ja oder nein, das Entscheidende. Und wenn es irgendwas mit mir macht, und ich würde auch sagen, das ist so meine generelle Herangehensweise, wenn es was mit der Person macht, die es sich anschaut, dann liegt da schon was drin, was jetzt nicht völlig verkehrt ist. Ich glaube, Kunst zu sehr zu verkopfen, das ist nicht so meine Herangehensweise.
Eva: Also ich bin auch voll bei dir. Also das [00:12:00] ist ja quasi mein Job hier im Museum, die Museumspädagogik, die Vermittlung. Mir ist es immer auch ganz wichtig, was das Gegenüber sieht oder diese Verbindung, so wie du das sagst, ob da was passiert. Und darauf kann man dann eben aufbauen und klar, kann man dann noch die Biografie und so weiter oder die Intention der Künstler*Innen dazu bringen. Aber der erste Moment ist eigentlich das, wie du sagst, ob da irgendwas passiert.
Karoline: Spricht es mit mir oder nicht.
Eva: Genau. Und bei Skulptur ist halt einfach auch das Schöne und deshalb ist sie hier auch ganz gut positioniert, finde ich, dass man einfach auch drumherum kann und sie eben von allen Seiten betrachten kann.
Karoline: Ja, die Zwischenräume sind ja auch unheimlich interessant, finde ich. Also, wenn man sich jetzt vorstellen würde, man sieht hier durch an verschiedenen Stellen, da sind Hohlräume durch [00:13:00] die Art und Weise, wie das gearbeitet ist. Und wenn man sich jetzt vorstellen würde, die wären geschlossen und es wären quasi nur Kuhlen gearbeitet, zum Beispiel, wäre das auch schon wieder eine ganz andere Wirkung als es jetzt hat…
Eva: …das stimmt…
Karoline: Es ist sehr leichtfüßig, finde ich, und durchlässig auf die Weise.
Eva: Vielleicht deshalb auch die Wahl des Materials Holz, mit Steinen...
Karoline: Ja, also es wirkt gut überlegt, finde ich. Weil auch der Sockel unheimlich schön ist. Es hat einen Steinsockel und der ist so von verschiedenen Schichten durchzogen, was sich ganz gut wiederfindet in der Maserung vom Holz.
Also vielleicht ist es ja wirklich auch ein sehr ausgeklügeltes Werk, würde ich jetzt mal unterstellen, dass er sich ganz schön viel dabei [00:14:00] überlegt hat wahrscheinlich.
Eva: Genau. Und im Rahmen der Neugestaltung haben wir jetzt auch einen Treppenlicht installiert.
Karoline: Genau und jetzt müsste er runterfahren. So… und dann, das ist ja lustig da fährt man quasi rückwärts jetzt hoch. Und es ist auch vergleichsweise schnell für einen Treppenlift.
Eva: Okay, wir sind sehr froh, dass wir ihn hier haben und diesen Bereich eben auch barrierefrei zugänglich machen konnten. Und ja, es ist eine Video-Installation hier zu sehen. Und wir beamen uns, sozusagen, in die Zeit der Kelten.
Also die waren so 600 vor Christus hier in Heidelberg. Aber hier haben wir jetzt gerade das Bild vom Heiligenberg selbst. Da ist ja hier in Heidelberg eine große Wegmarke sozusagen. Und durch diesen Bereich hier [00:15:00] holen wir den Heiligenberg ja letztendlich ins Museum und zeigen, wie die Kelten dort oben gesiedelt haben.
Und jetzt machen wir hier so einen kleinen Überflug über den Heiligenberg. Und jetzt kommt der historische Bereich, also wie es eben ausgesehen hat, damals. Also den Fluss, den Neckar kann man gut erkennen. Und auf dem Heiligenberg war dann eben eine erste Siedlung der Kelten und hier kommt jetzt eigentlich das Highlight, nämlich diese Stele, diese Figur wieder aus Stein und von dieser Stele wurde hier dieser Kopf gefunden und der steht hier als Objekt eben präsentiert.
Was es genau mit dieser Stele auf sich hat, ist noch nicht hundertprozentig geklärt in der Wissenschaft. Also es gibt immer wieder verschiedene Richtungen Man geht aber momentan [00:16:00] davon aus, dass es eben die Stele von einem Grabhügel war. Und dieser Grabhügel war nicht auf dem Berg, sondern in der Ebene.
Dort wurde nämlich dieser Kopfteil auch gefunden, nämlich im Bergheim.
Karoline: Und dann bei Bauarbeiten?
Eva: Genau, bei Bauarbeiten, ja. Ganz klassisch dann wird die Archäologie gerufen und du musst schauen, was es da für Fundstücke gibt. Wenn du willst, kannst du auch mal hier noch auf einen Knopf drücken. So ein bisschen partizipativ ist das nämlich, dass du jetzt hier noch steuern kannst, was für ein Filmabschnitt kommt.
Karoline: Ah, okay. Ja, da sieht man jetzt direkt den Kopf, beziehungsweise auf der Installation auch die gesamte Stele, wie du gesagt hast.
Eva: Genau, also man hat anhand von anderen Funden eben versucht, den Körper der Figur zu rekonstruieren, weil wir eben nur den [00:17:00] Kopfteil haben.
Karoline: Ja...
Eva: Genau, da kann man es jetzt nochmal ganz gut sehen.
Karoline: Ja, jetzt sieht man welcher Teil tatsächlich gefunden wurde, so bis zu unterhalb der Nase.
Eva: Und hier wurde er gefunden. 1893. Der Paläontologe Schötensack, der wurde damals auch als Glückspilz der Archäologie bezeichnet, weil er diesen spannenden Fund gemacht hat. Lange Zeit dachte man, das Unterteil des Kopfes sieht ganz anders aus.
Aber letztendlich ist es bis heute noch nicht hundertprozentig geklärt. Und generell in der Keltenzeit ist es eben ganz schwer, weil die keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben. Und man wirklich eben auf die Fundstücke zurückgreifen muss. Und hier siehst du jetzt noch ein paar Fundstücke, die hier in Heidelberg gemacht wurden.
Und auch hier wurde auf neuestem technischem Stand [00:18:00] versucht, das Ganze zu präsentieren. Also im Vordergrund sieht man eben das Originalobjekt, diesen Mahlstein, der so ein bisschen an den Napoleonshut erinnert. Diesen Namen trägt er nämlich auch. Und im Hintergrund sieht man jetzt eben die Herstellung dieses Steines.
Also es gibt nicht allzu viel Funde aus der Keltenzeit, hier in Heidelberg, das ändert sich vielleicht auch mal noch.
Karoline: Also ich finde das, weil wir uns ja auch die Barrierefreiheit angucken, an sich total gut mit den Knöpfen. Die sind nur gerade für sitzende Personen, sage ich jetzt mal, oder aber auch für Kinder, die sind zu hoch.
Wenn ich berate und gefragt werde, dann ist mein Ansatz immer zu gucken, wie können wir denn niederschwellig erstmal eine Basis schaffen. Und Menschen zumindest [00:19:00] ein Stück weit reinnehmen, weil gerade auch, und das ist der Punkt, warum es unbedingt immer behinderte Menschen in solchen Prozessen mitbraucht. Man kann das nicht als völlig nicht behindertes Team, egal wie sensibel man ist, aber man braucht die Beratung und das Auge von behinderten Menschen. Da kommt man nicht dran vorbei. Aber es geht sehr viel weniger um Perfektionismus, um Partizipation und gemeinsame Wege zu finden hin zu einer Verbesserung und besser, ich habe irgendwas, wo mir dann vielleicht jemand sagt, okay, anstelle XYZ hätte ich mir was anderes gewünscht und dann kann ich nachbessern, als dass ich jemanden im Vorhinein rausschmeiße und sage, so wie du durch die Welt gehst und die Welt liegst bist du hier nicht willkommen, weil du wirst hier nicht teilhaben.
Eva: Also genau, ich sehe es auch so, man muss einfach Schritt für Schritt [00:20:00] machen, die Expert*innen in eigener Sache auch dabei haben. Also so habe ich auch mit meiner Führung für Sehbehinderte angefangen, dass ich wirklich immer eine Sehbehinderte dabei hatte, weil ich kann das eben nicht so.
Karoline: Ja und woher auch.
Eva: Genau. Ja, es ist einfach so. Man braucht die Expert*nnen egal auf welcher Weise. Wir sind die Museumsexpert*innen, aber die andere Sichtweise ist ja genauso wichtig.
00:22:30 Jetzt sind wir in unserem barocken Palais angekommen. Man hat gleich eine andere Atmosphäre natürlich in diesem Bau, der schon über 300 Jahre alt ist.
Und hier ist sozusagen das Herzstück des Hauses, unser Blauer Salon. Und unser Museumsdirektor nennt es immer die gute Stube Heidelbergs, wo schon Goethe und Chopin zu Gast waren. Und heute bist du zu Gast, Carolin Hinkfoth…
Karoline: Ja, das ist ein wunderschöner Raum. [00:21:00]
Eva: Und man sieht, glaube ich gleich anhand der Stühle hier im Raum, dass wir ihn nach wie vor eben als Veranstaltungsraum nutzen.
Karoline: Ja…
Eva: Und es gibt eben auch Konzerte wie die Bachstunde oder eben auch Vorträge. Und letztendlich ist es die ursprüngliche Nutzung des Raumes, also dass man ihn als Veranstaltungsraum genutzt hat. Das kann man auch so ein bisschen an der Abfolge dieser Wandreliefs hier sehen. Hier sehen wir zum Beispiel eine Musikerin.
Da oben wird das Essen gebracht - ein Wildschweinkopf. Vielleicht jetzt nicht mehr unbedingt für das Menü heutzutage geeignet. Aber ja, es ist eben ein Raum der Künste, der eingeladen hat und eben auch heute noch dazu einlädt.
Karoline: Ja, es wirklich ist ein toller Raum.
Eva: Und wenn man ins Fenster rausblickt, ist man quasi mitten in der Heidelberger Altstadt und entlang der Hauptstraße, wo [00:22:00] das Leben pulsiert.
Karoline: Man ist sehr verbunden mit der Stadt hier, wenn man rausguckt. Man kann sich verorten sozusagen.
Eva: Für die Abendveranstaltungen muss man den barrierefreien Zugang nutzen so wie wir jetzt. Es ist ein kleiner Umweg. Man sieht dann aber auch ganz schöne Dinge, die man sonst vielleicht nicht sehen würde.
Aber es ist eben so, dass man sich ans Kassenpersonal oder an eine Kollegin, einen Kollegen hier wenden muss und sagen - begleiten Sie mich? Am besten natürlich mit einer Voranmeldung. Man kann jetzt nicht so flexibel zu einer Veranstaltung kommen. Wie ist das für dich?
Karoline: Das ist natürlich ein Punkt, dass das mehr Organisation erfordert und auch Planung und so weiter und natürlich auch immer so ein Outing-Moment, sage ich jetzt mal.
Also mich zu erklären im Vorhinein und zu sagen, [00:23:00] ich werde kommen und ich komme im Rollstuhl und deswegen und so weiter bin ich darauf angewiesen, dass es einen barrierearmen Zugang gibt, einen stufenlosen. Und natürlich kann das auch dazu führen, dass man dann da mal keine Lust dazu hat. Also das ist schon so, oder auch natürlich, vielleicht manchmal auch ein bisschen Ärger macht, wenn man sich denkt - ah, jetzt wäre ich da gerne hin, aber jetzt bin ich zu spät, jetzt kann ich niemanden mehr erreichen und jetzt geht das nicht. Das ist ein Faktor auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite finde ich aber das Entscheidendere, wenn man eben mit Räumen konfrontiert ist, die keine komplette Barrierefreiheit bieten, was in historischen Gebäuden immer der Fall ist, dass man es vorher kommuniziert.
Das ist für mich der große Dreh- und Angelpunkt. Weil das ist viel schlimmer, wenn man irgendwo hingeht in der Erwartung von, ich kann teilnehmen und dann steht man da und jemand sagt einem, tut uns leid aber geht nicht. Und dann lieber diesen Zwischenschritt einbauen, das ist viel besser. Also es ist gut, das vorher zu sagen und auch zu sagen, wir bitten Sie, dass Sie sich vorher anmelden, wenn Sie Barriere-Freiheitsbedarfe haben.
Vielleicht auch noch dazu zu schreiben, wir begleiten Sie dann oder jemand vom Personal ist gerne für Sie da. Irgendwie so, dass Menschen schon wissen, aha, ich bin dann aufgefangen sozusagen, kann da hin gehen und Leute machen das auch gerne. Das ist auf jeden Fall die bessere Variante als vor Ort dann auf…
Eva: … auf eine Barriere zu stoßen
Karoline: …auf eine Barriere zu stoßen, die dann auch vielleicht einfach nicht überwindbar ist oder wo dann vor Ort ich viel erklären muss [00:25:00] oder es Hektik gibt und Aufhebens um die Situation, weil es einfach eine Überforderung macht. Also das ist schon der bestmögliche Weg, das im Vorhinein aufzufangen.
Eva: Also auch dazu zu stehen, dass man nicht barrierefrei ist.
Karoline: Ja, das ist eben so, dass das Gebäude, wenn man jetzt aus der Brille der Barrierefreiheit schaut, eine Imperfektion mit sich bringt. Und die verschwindet ja auch nicht, wenn wir sie verschweigen. Also die ist ja trotzdem da. Und das ist tatsächlich auch ein Punkt, den ich immer ganz gerne mit dazu sage, wenn ich so was begleite. Und ohne, dass ich dazu einladen möchte, jetzt zu sagen, da ist ja auch eh alles egal und wir machen es nur halb gar, das möchte ich damit nicht sagen, aber behinderte Menschen erwarten selten [00:26:00] 100%-Lösungen, weil wir die in fast 100% der Fälle nicht vorfinden. Das ist einfach keine Realität, eine Barrierefreiheit oder -armut zu haben, mit der man im Vorhinein schon rechnet und sagt, das wird alles laufen für mich, kein Ding, mache ich das einfach mal.
Also dass kleinere oder größere Hürden entstehen, das ist schon mit einkalkuliert sozusagen in der Lebens- und Freizeit und sonst wie Planung.
Eva: Sie sind abgehärtet…
Karoline: Behinderte Menschen, man ist abgehärtet auf eine Weise, genau. Und deswegen glaube ich, dass es immer, wie ich das eben schon gesagt habe, das Entscheidende miteinander in Kontakt zu gehen und in Kommunikation zu sein und auch bereit zu sein, natürlich auch zu lernen.
Eva: Ja, vielen Dank für deine Worte an dieser [00:27:00] Stelle.
Also wir kommen jetzt in den Bereich, in den wir sonst kommen werden, wenn wir die Treppe hochgegangen wären. Also am Ende ist alles sichtbar, auch wenn man erst diesen barrierearmen Eingang nutzt. Und dann hat man am Ende nochmal ein tolles Highlight.
Unsere große Ansicht des Heidelberger Schlosses. Nicht nur des Schlosses, sondern ein Fokus liegt eben auf dem Schlossgarten, dem hier auf diesem sehr großen Gemälde auch ziemlich viel Platz eingeräumt wurde. Um 1620 wurde es gemalt. Und ja, zeigt uns eigentlich einen Zustand wie er so auch nie war. Das ist quasi ein Idealzustand.
Zum Schluss habe ich jetzt eine Frage für dich. Wenn du einen Wunsch offen hättest für deinen nächsten [00:28:00] Museumsbesuch hier oder auch in einem anderen Museum, hättest du gleich einen auf den Lippen?
Ich finde wirklich Information und aktive Kommunikation und ein Anbieten von „so und so können sie sich ja durchbewegen“ zum Beispiel oder wir haben für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen, für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen diese und jene und folgende Angebote oder eben auch nicht. Aber, dass man das so ein bisschen begleitet und einfach irgendwie sichtbar macht, wenn sie Fragen haben zu Barriere-Armut in unserem Haus, sprechen sie uns gerne an, so was.
Das sind so ganz Kleinigkeiten, wirklich ganz niederschwellige, kleine Sachen, [00:29:00] die mir versuche ich jetzt mal aus einer interpersonellen Perspektive von behinderten Menschen zu sprechen, abnehmen sagen zu müssen, hier können Sie mir was sagen zu XYZ und dann vielleicht irgendwie jemanden zu haben, der da sitzt und sagt, habe ich noch nie was von gehört, habe ich nicht, kann ich nicht, mache ich nicht.
Also es ist überhaupt nicht die Unterstellung, dass das hier passieren würde. Das ist nicht das, was ich damit sagen möchte. Ich sage nur, dass das passiert manchmal, gerade wenn eben auch Personal nicht bekannt ist, auch mit den Möglichkeiten, die ein Haus so hat. Und, dass das einfach gut verzahnt ist, miteinander und ein Willkommen ausgedrückt wird.
Eva: Das ist uns, glaube [00:30:00] ich, auch ein ganz wichtiges Anliegen hier im Haus, so eine Willkommenssituation.
Karoline, wir bedanken uns ganz herzlich, dass du diese Tour mit uns gemacht hast und verabschieden uns von allen Zuhörerinnen und Zuhörern und freuen uns, dass wir mit dir und der Kunstgruppe der Lebenshilfe Heidelberg das Kurpfälzische Museum aus eurer Perspektive erleben konnten.
Sprecher: Die Fotos zum Podcast kann man sich übrigens auf der Website des Museums anschauen.
Den Link dazu gibt es im Begleittext. Hier geht das hörbare Museumserlebnis nun weiter. Den Podcast „Museum lauschen“ gibt es in vier Folgen. Viel Spaß beim Reinhören ins Kurpfälzische Museum.